Der Teufel im System
Erinnerungen an Uwe Büchler

 

Uwe Büchler war Gründungmitglied der Werkleitz Gesellschaft und leitete sie als Direktor von 1996 bis 2000. Er plädierte 1993 auch für die Gründung eines Vereins, denn damals waren wir noch etwas unschlüssig, welche Struktur wir für ein Medienzentrum wählen sollten.

Ich durfte Uwe kurz nach dem Abschluss seines Meisterschülers bei Prof. Michael Sandle an der Kunstakademie Karlsruhe kennenlernen. Er war der frischgebackene Schwager meines Freundes und Werkleitz Mitbegründers Alexander Decker.

Wir teilten die gleiche Passion für alles Dunkle: Die Industrial Musik von Throbbing Gristle oder Einstürzende Neubauten, die Bücher über Magie von Aleister Crowley oder die Romane von H. P. Lovecraft, die Uwe zu vielen seiner Arbeiten inspirierten: Die Unbeschreiblichkeit des Unfassbaren, des grenzenlos Grauenvollen, das Lovecraft dann doch immer wieder in Worte zu fassen vermochte. Ich freue mich deswegen sehr, dass das Label Lauschrausch bzw. Gerd Naumann im Rahmen der Ausstellung am 5. Februar um 20 Uhr einen Lovecraft Hörspielabend veranstalten wird.

Uwe hatte nach Ende seiner Ehe in Stuttgart Fuss gefasst, arbeitete als Bildhauer und hatte gleichzeitig sein Faible für Computer und Mandelbrot-strukturen entdeckt. Es war die Zeit als Alexander Decker, Thomas Munz und ich nach Braunschweig an die Kunstakademie gingen und kurz darauf 1991 in Werkleitz die Ziegelei 3 ausbauten. Uwe besuchte uns oft in dieser Zeit und half mit seinen umfassenden handwerklichen Fähigkeiten. Er war ein Meister in der Bearbeitung von fast allen Materialien und der Herstellung von Plastiken aller Art. Zum Beispiel baute er für ein Filmprojekt aus Sperrmüll eine komplette Mittelalter Filmkulisse.

Mit Uwe zusammen gründeten wir 1993 die Werkleitz Gesellschaft.

Da Uwe der Einzige unter uns war, der von Planung und Ordnung etwas verstand, übernahm er bald die Organisationsleitung. Die erste Datenverwaltung der Werkleitz Gesellschaft bestand aus einer schwarzen Holzkiste, in der wir alle Korrespondenz aufbewahrten. Als die ersten 20 Briefe zusammen kamen kaufte Uwe ein paar Aktenordner. Eine Leidenschaft, der er später ausgiebig frönte, indem er jede Email ausdruckte und in einem Aktenordner abheftete.

Aber hinter seiner peniblen Ordnungssucht, die in praktischer Weise unsere eigene frühere Unbekümmertheit gegenüber bürokratischen Angelegenheiten sozusagen diametral ergänzte, steckte immer der kleine Junge, den das Chaos faszinierte, die Schönheit des Grauens, das Erschreckende und Phantastische, das Numinose in all seiner Macht. All dies beschäftigte ihn und trieb ihn an, allerdings aus sicherer fiktionalisierter Distanz.

Eine weitere Ambivalenz Uwes war sein Einsiedlertum. Uwe begeisterte sich gerne für den von ihm sogenannten Werkleitz Spirit, der durch kollektives, selbstorganisiertes Leben und Arbeiten gespeist wurde. Er selbst war der gutmütigste und treueste Freund, der niemanden etwas abschlagen konnte. Aber trotzdem zog er sich lieber zurück und lebte später alleine in seiner eigenen Welt in seinem kleinen Haus in Barby.

Über Uwe lernten wir auch die Künstler Marion Kreißler und Martin Conrath kennen, die uns beim Aufbau der Werkleitz Gesellschaft begleiteten. Zusammen arbeiteten wir an der 1. bis 4. Werkleitz Biennale, bevor sich Uwe Ende 2000 als Webdesigner und Künstler wieder selbstständig machte.

Während seiner Zeit als Direktor der Werkleitz Gesellschaft blieb ihm keine Muße mehr für seine eigene künstlerische Entwicklung. Darunter leidete er sehr. Ihm fehlte die frühe Energie, der reine Spass am Machen, ohne mögliche Verlust- oder Gewinnrechnungen aufzumachen. Und ihm fehlte die freie selbstbestimmte Arbeit, die er früher als Künstler und Graphiker genossen hatte. Die einzigen Arbeiten, die Uwe während dieser fünf Jahre realisieren konnte, waren drei mediale Werke: Die Videoinstallation GRADIERWERK, für das Ausstellungsprojekt MATERIA TROIKA, die Diaprojektion BOMB FILES für das Medienkunstevent ATOMIC JUNGLE und das Internetfakeprojekt: UFO Landung in Sachsen-Anhalt.

In diesen Arbeiten bilden sich Uwes Präferenzen ab: Die Strukturierung der Mimesis eines fast schon alchemistischen Verwandlungsprozesses von Wasser in Salz, die Schönheit des Grauens und der fiktionalisierte Einbruch des Phantastischen in die Realität.

Science Fiction Filme und Gruselliteratur, Bücher über Alchemie und Hexenkräuter, Mandelbäume und Chaosstrukturen, Ausserirdische und der Mythos von Atlantis dienten Uwe als Inspirationsquellen für seine Arbeit.

Zuletzt beschäftigte er sich mit Mineralien, als ob er auf der Suche nach der richtigen Essenz, dem Lapis philosophorum: dem Stein der Weisen der Alchemisten gewesen sei. Leider kam er nicht mehr dazu, eine neue Arbeit zu realisieren. In der Nacht des 11. September 2006 verstarb Uwe Büchler überraschend im Krankenhaus in Schönebeck.

Für Uwe war der Teufel nicht das System, sondern er steckte im System, in seiner Struktur, in der systematischen Ordnung der Dinge, unter den Oberflächen, die das Unheimliche verbergen oder abhalten sollten, wie ein Schutzwall, oder eine hauchdünne Demarkationslinie die unser Bewusstsein vor unserem Unterbewusstsein schützen soll. Diese Gradwanderung zwischen Innen und Aussen zeichnen Uwe Büchlers Arbeiten aus.

Peter Zorn, 2007/2008
(Der Text entspricht in überarbeiteter Form der Eröffnungsrede zur Retrospektive Uwe Büchlers in der Galerie am Domplatz, Halle (Saale), am 15. Dezember 2007)